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Weihnacht bei 40°C

Soweit ich mich erinnern kann, ist dies das erste Weihnachten, das ich nicht im Kreise der Familie und meiner heimatlichen Freunde verbringen werde. Und da man sagt, dass alle Medaillen zwei Seiten hätten, wird mir hier im Outback klar, dass es erst die dritte ist, welche die Betrachtung der anderen beiden zulässt.

santaBei ungefähr 38 Grad Celsius, die sich oft anfühlen wie 90 Grad in der Sauna, bevor man den Aufguss über die Kohlen geschüttet hat, permanentem Sonnenschein und weit und breit keinem Weihnachtsmarkt, an dem man sich frierend einem Krug heißen Glühweins hingeben kann, kommt einem immer wieder der Gedanke, dass Weihnachten dieses Jahr ausfällt. Weihnachtsstimmung - Fehlanzeige. Aber warum erwähne ich das, wenn es eigentlich ein tolles Erlebnis ist, mich endlich einmal dieser konsumertränkenden, wohltätigkeitsgefühls-auferzwungenen und liebeskünstlichen Zeit entziehen zu können? Zum einen, da mir bewusst ist, dass diesen Adjektivierungen zu Grunde zu legen sind , dass über die Jahre die Weihnachtsstimmung in Deutschland einer immer größer werdenden Sinnverzerrung unterliegt. Zum anderen - wenn ich die zweite Seite der Medaille betrachte - wird mir die eigentliche Bedeutsamkeit wieder in Erinnerung gerufen und klar, was ich für ein Glück habe, mit einer wundervollen Familie und wertvollen Freunden gesegnet zu sein. Und so stimmt der Termin Weihnachten mich nachdenklich. Darüber was die alten Werte waren und wie es eigentlich sein sollte, wo sie ihren Ursprung haben, wie viele von ihnen ich selbst noch in mir trage und dass wir zuließen, was daraus geworden ist. Und auch, wenn meine Nächsten wissen, dass ich kein religiöser Mensch bin, so sind es doch gerade die Grundgedanken dieser Wertigkeiten, die ich nach wie vor für anstrebsam erachte. Und in Anbetracht dessen, was heutzutage aus Weihnachten geworden ist, die christlich gesinnten Menschen einen Großteil der Weltbevölkerung ausmachen und dies nicht der Augenblick ist irgendein religiöses Statement meinerseits zu verfassen, will ich folgendes Bild völlig unkommentiert lassen:

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Ich hingegen bewege mich gerade durch eine Kultur, die ihrem Ursprung nach diese Art von Feierlichkeit nicht kannten. Selbstredend haben sie gefeiert und Feste gehalten, zum Beispiel bei Zeremonien und am Ende der Initiationsriten. Aber da mit dem Eindringen der Weißen hier in Australien und der darauf folgenden und noch heute überall zu sehenden, zu spürenden und zu erlebenden Unterdrückung und Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung, die Riten und Zeremonien verboten worden sind, haben sie unsere Feste übernommen. Noch heute ist es deutlich spürbar, dass sie sich nicht wirklich mit Weihnachten identifizieren. Und das wirklich bedrückende ist - viele Aborigines können nicht einmal benennen, warum dies so ist. Aber darauf werde ich ein andermal näher eingehen.

santa-smurfAuch wenn wir trotzdem unseren Spaß und Schlumpf die weihnachtliche Narrenkappe aufgesetzt haben, dreht sich hier in letzter Zeit alles nur um eines: Regen. Seit ich hier auf Mogila Station bin, hat es sieben Tage geregnet. Das heißt genauer - einen Tag pro Monat. Viele Farmer halbieren ihre Herde und verkaufen sie zum Spotpreis, da kaum noch ein Landstrich Futter bietet. Viele gehen Bankrott am verlorenen Weizen und die Flüsse trocknen aus, weil die australische Regierung das Wasser in Dämmen auffängt, um es an die Industrien zu verkaufen. Nur auf Mogila scheint alles zu blühen. Michael, der als Aborigine sein Land besser kennt als kein zweiter, gehört zu den wenigen, die wissen, dass man sein Land keinem "clearing" unterzieht, also der Abholzung zur Gewinnung von Weideland. Die Rinder ernähren sich von den Bäumen und die Schafe von Büschen und den Gewächsen, die nicht dem Gras weichen mussten und dessen Samen im staubtrockenen Erdreich schlummern und auf Regen warten. Michael und Jutta haben ihre Herde in den letzten sieben Monaten verdoppelt. Der Lohn: Der langerwartete Regen. Pünktlich zu Weihnachten haben sie neun Tage Regen vorhergesagt: 200 - 300 Milliliter. Ein Traum.

Und so sitze ich gerade auf der Kante der Medaille und denke mir:

Weihnachten im Regen - herrlich.

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- Wanderer