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Sydney mal anders gesehen
Wer meine früheren Berichte gelesen hat, weiß bereits, dass ich ein Mensch bin, der sich in Großstädten nicht sehr wohlfühlt. Dennoch genieße ich hin und wieder einen solchen Aufenthalt, der mich immer wieder zum Nachdenken anregt. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen neutral an die Sache heranzugehen und mich dabei von dem Gedanken begleiten zu lassen, dass Sydney nicht Australien ist. Doch dann rief ich mir die Worte der im Outback lebenden Menschen in Erinnerung: Auch sie sagten immer wieder, dass das Leben in den Städten, an den Rändern dieses Kontinentes, nicht Australien sei. Da musste ich an Brisbane, Canberra, Newcastle und Goldcoast denken und - da sie sich alle gleichen - ebenso an die küstennahen Städte, in denen ich noch nicht war. Ich betrachtete die hier herrschenden Systemstrukturen und die Bewandtnis des Outbacks für die Politik und ihren Umgang mit diesem und kam zu dem Entschluss: Doch - genau das ist Australien. Genau dieser, die Küste entlang wandernde Streifen, der etwas großes umschließt, von dem die meisten Australier keinen Schimmer haben - das ist Australien. Und dieses große (wenn es nicht nur darum geht es zu durchqueren, um von a nach b zu kommen oder einmal einen flüchtigen Blick darauf geworfen zu haben), süchtig machende Zentrum, das sie Outback nennen, ist was auch immer, aber irgendwie kein Teil von Australien. Und da mir auf Grund dessen eine objektive Betrachtungsweise nahezu unmöglich erscheint, wird der folgende Bericht nicht jedermanns Sache sein, aber schließlich ist es wichtig, die Dinge auch hin und wieder von einem anderen Gesichtspunkt aus zu betrachten:
Darling Harbour. Ich stehe still. Was auch immer dafür verantwortlich ist, dass die heutige Gesellschaft darstellt, was aus ihr geworden ist; vom Outback noch entschleunigt, schleudert es die Massen an mir vorüber und ich scheine im Weg zu stehen - teile den Strom wie ein mitten im Fluss stehender Baum. Es presst sie in Fähren, lässt sie sich mit Fastfood und Snacks vollstopfen und wie programmiert um das Opernhaus zirkulieren. Reiseführer sagen ihnen, wo sie herumirren sollen und geben ihnen die Möglichkeit sich einzubilden, eine kritische und objektive Meinung darüber entwickeln zu können, was sehenswert ist und was nicht - eine Wahl zu haben. Wer das nötige Kleingeld hat, lässt sich in einer der offenen Bars nieder und genießt seinen Salat und ein Glas Orangensaft zu Touristenpreisen und wird sich später daran erinnern, was es doch für ein toller Moment war, damals bei diesem köstlichen Glas Orangensaft in Sydney gesessen und an einem herrlichen Tag, völlig sorgenfrei, einen imposanten Blick auf die Darling Harbour Bridge geworfen zu haben. Ich sehe irgendwelche, braungebrannten Männer, mit weißer Farbe bemalt, wie sie langen Hölzern beeindruckende, raunende Klänge, die von modernen Beats aus dem Gettoblaster untermalt werden, entlocken und versuchen ein Stück genommener Kultur aufleben zu lassen, von der sie selbst kaum mehr als eine Ahnung besitzen zu scheinen. Es gleicht einer Farce all diese Menschen aus der westlichen Gesellschaft zu betrachten. Als stünden sie in einem Zoo und ergötzten sich an einer aussterbenden Art, so stehen sie um diese Männer herum und erfreuen sich an dem bisschen Selbstidentifikation, die diese noch zu besitzen scheinen - oder besser gesagt, die man ihnen gelassen hat. Und wieder einmal gibt man den Massen nur das, wonach es sie verlangt. Brot und Spiele. “Halt!” wird da der eine oder andere empört einwenden wollen. Was ist mit der Architektur, mit den vielen Bauwerken, mit denen sich in erster Linie sowohl der Architekt, als auch der Staat ein Denkmal setzen und den Massen einen Grund liefern wollten, viel zuviel ihres hart erarbeiteten Geldes für viel zu überteuerte Dinge auszugeben? Was ist mit der Geschichte der Stadt und des Landes, die im Anbetracht ihres Alters und mit der “Leugnung” einer noch vor dem Jahre 1788 hier existierenden Welt im Grunde genommen soviel Aussagekraft hat wie ein einzelner, wahllos aus der Bibel herausgegriffener Satz? Wobei letzterer wenigstens hin und wieder einen in sich geschlossenen Sinn ergibt. Was ist mit der Kultur, Du Banause? Was mit den Museen… die - nett formuliert - mit dem in Canberra zu beschreiben sind: In diesem findet man eine Zeitleiste mit einem schwarzen Strich von einem halben Meter Länge mit der Aufschrift “vor 1788” und einem sich darüber befindenden Kommentar “Geschichte der Aborigines”, bevor dann ausschließlich einseitig beleuchtete “Australische Geschichte” folgt. Sicherlich hat man auch die Möglichkeit und finden sich Orte, sich intensiver mit der Geschichte der Ureinwohner dieses Kontinentes zu befassen, aber im Großen und Ganzen muss man sagen, dass man diese Informationen nicht allein für Touristen möglichst minimiert wissen will. Hier in den Schulen Australiens wird die Geschichte des dritten Reiches beinahe so intensiv gelehrt, wie bei uns in Deutschland. Der Geschichtsunterricht bezüglich Australien beginnt aber erst 1788 und das so zensiert, dass man sogar eine politische Abstimmung darüber führte, ob Geschichte vor 1788 gelehrt oder der Nachwuchs mit den negativen Taten ihrer Vorfahren von 1788 bis Heute konfrontiert werden soll - was mit beeindruckender Mehrheit abgelehnt worden ist. Die wenigen Australier, die wirklich Bescheid wissen, haben es sich aus eigenem Interesse angeeignet. Aber genug davon. Ich denke, ich werde bei Zeiten einen ausführlicheren Text für diejenigen kreieren, die daran interessiert sind, sich eingehender mit auf den Punkt gebrachten Dingen zwischen 1788 und Heute und diese aus einer anderen Perspektive als gewöhnlich beleuchtetet, zu beschäftigen. Insofern brachte mich mein Sydney-Aufenthalt dazu, lange über den Begriff Kultur nachzudenken und darüber, welche Bedeutung sie wirklich hat: Kultur dient nicht der Aufklärung, sondern der verklärenden Selbstidentifikation einer bestehenden Gesellschaft. - Wanderer
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