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Scherereien

michaelIch erinnere mich an einen Bericht aus dem Radio vor einigen Monaten. Dort ging es um eine deutsche Schäferin, ihre Ausbildung und ihren Alltag. Und gerade in einem so fortschrittlichen Land wie Deutschland wunderte es mich doch, dass sie fast den gesamten Tag nach alter Tradition mit Cape und Hirtenstab ihre Schafe betreut. Aber bei den Entfernungen hier in Australien ist es wohl nicht verwunderlich, dass man ein völlig anderes Bild von einem Schäfer bekommt. Wie Michael hier auf dem Bild, ist es einfach leichter einige tausend Schafe mit Quads, Motorrädern und Autos über Kilometer hinweg und vor sich her zur Scheranlage zu treiben. Dort kommen auf den letzten Metern nur noch die Quads, eine Menge Leute und Hunde zum Einsatz; Wobei ich mich gerade bei letzteren gefragt habe, wie man ihnen die komplexen Verhaltensweisen und vielen Tätigkeiten, die mir immer wieder ein staunendes Kopfschütteln abverlangt haben, beibringen kann. pushingAber das ist ein generelles Phänomen, welches ich mit allen Tieren hier draußen erleben darf. Abgesehen von verschmusten und verdammt nachtragenden Känguruhs, auf Babyhunde unfassbar eifersüchtige Lämmer, die völlig zielstrebig in die Milch der Welpen springen, während diese trinken, kann ich nur jedem empfehlen, der immernoch davon überzeugt ist, dass Tiere nur instinktiv handeln und keine Intelligenz besäßen, einige Wochen hier draußen zu verbringen.



sortWie auch immer - in der Sortieranlage angekommen, beginnt die eigentliche Arbeit: Böcke -und die sollte man nicht unterschätzen - ich habe einen dabei beobachtet, wie er einen anderen, der sich auf die Hinterbeine stellte, um an einen Zweig zu kommen, aus dem Stand und ohne Anlauf auf die Hörner nahm - nun ja, was soll ich sagen? Wer seine Knochen liebt, wird niemals einen Apfel pflücken, wenn ein Bock hinter ihm steht. Aber zurück: Böcke werden von den weiblichen Schafen getrennt. Geschorene von ungeschorenen. Einjährige von Älteren. Und so weiter und sofort. Dabei werden die Schafe von einem großen Gehege in immer kleinere getrieben, bis sie zum Ende hin durch einen schmalen Gang müssen, an dessen Ende Michael mit zwei schwingbaren Türen drei Wege in andere Gehege und zur Scherhütte öffnen kann. Wenn die Schafe aus dem Spalt geschossen kommen, legen sie die unterschiedlichsten Verhaltensweisen an den Tag. Einige rennen so schnell sie können zu den anderen. Weitere legen beeindruckende Sprünge zurück. Und da ich ein paar Fotos schoss, waren die amüsantesten diejenigen, die sich wie ein geschupstes, auf den Laufsteg stolperndes und mit zerzausten Haaren nach hinten fluchendes Model verhielten, welches sich seiner Situation bewusst wird, stehen bleibt, sich umdreht und posiert, als ginge es um das potentielle Jahrhundertfoto. Der gesamte Sortiervorgang dauerte einen Tag, bevor es dann eine Woche lang ans Scheren ging.

sheerOk, vorweg sei gesagt: Nein, ich habe nicht geschoren. Ich habe es versucht - aber ich denke, man muss entweder durch eine harte Schule gehen oder es von Kind auf lernen, um auf eine Stückzahl zu kommen, dass man davon leben kann. Der “Rasierer” wird äußerst heiß und um dieser Tatsache zuzuarbeiten, ist er ganz schön schwer und man muss ihn auf Grund der starken Vibration fest umklammern. Die Wolle ist trotz scharfer Klingen sehr widerspenstig und es kommt einem vor, als versuche man mit einem stumpfen Messer Brot zu schneiden. Dazu kommt die Sorge im Hinterkopf, dass man das Schaf nicht verletzen will. Hatte ich erwähnt, dass die Tiere sich bewegen? Nun gut - mit angemessenem Respekt den Scherern gegenüber, habe ich mich dann anderwertig nützlich gemacht. Sollte jemand dennoch auf die Idee kommen, sich all diesen Herausforderungen zu stellen, kann der Beruf nach ein, zwei Jahren verdammt erträglich sein, da Scherer nach Stückzahl bezahlt werden und sich ca. 2 Dollar pro Schaf bei ungefähr 160 Schafen pro Tag bei normaler Leistung doch sehen lassen können. Anders verhält es sich bei den Sortierern und Verpackern der Wolle. Sie verdienen ihren festen Stundenlohn, warum gute und schnelle Scherer natürlich begehrt sind, da sie das Tempo der anderen vorlegen. Nach
sort2dem Scheren, wird die Wolle nach unterschiedlichen Qualitäten sortiert und zu Ballen verpackt. Die Qualität setzt sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen. Unter anderem der Haarlänge. Sehr gute Wolle, wie sie hier produziert wird, erzielt etwa einen Preis von 900-1000$ pro Ballen, welcher ungefähr die Wolle von 40 Schafen beinhaltet. Es gibt allerdings “Spitzen-Wolle“, die sogar einen Preis von 900.000$ und mehr pro Ballen erreicht, aber dieser Wert hat auch einen bitteren Beigeschmack, der seinen Ursprung ungefähr hier hat:

Der 6-jährige Sohn eines Filmstarpaares fragt seine Mutter bei einem Einkauf, warum die waschbare, 100 %-ige Schafswollwindel der kleinen Schwester denn 10.000$ kostet. Worauf die Mutter dumm grinst und mit den Augen klimpert: “Weil ihr uns für das Beste gerade gut genug seid, Schatz.” Hier endet auch schon die Geschichte. In diesem Fall bedeutet das “Beste“, das Schafe ihr komplettes Dasein ohne Freilauf in einem Stall und Einzelboxen verbringen und völlig unterernährt über ihren gezielt zusammengestellten Diätplan jubeln, während sie allen Ernstes den Klängen von Mozart und Bach lauschen dürfen, wodurch sie eine unglaublich langhaarige und feine Wolle produzieren. Ich frage mich, wie der Mann unserer Filmstarfamilie reagieren würde, wenn man ihn 14 Jahre lang bei Wasser, Brot und Nahrungsergänzungsmitteln in einem Verlies einsperrte, damit er die Hauptrolle im neuen “Der Graf von Monte Christo” glaubwürdiger und besser als jeder andere spielen kann.

Zum Glück haben Michael und Jutta ein sehr gesundes Verhältnis zu ihren Tieren und es macht riesigen Spaß mit ihnen zu arbeiten. So, das wäre es für heute. Und nächstes Mal gibt es den bereits versprochenen Reisebericht...

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- Wanderer