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Schafe auf dem Stuhl

Vor ungefähr zwei Wochen fand ich ein Gedicht unter meinen eMails. In diesem Gedicht ging es um den Vergleich des Verhaltens eines Individuums, wie es sich heutzutage in der Gesellschaft bewegt, mit dem Verhalten eines Schafes in der Herde. Und obwohl die Intentionen des Autors völlig in die richtige Richtung abzielten und mir die damit verbundene, zu übermittelnde Nachricht sehr zusagte, brachte mich das ganze wieder einmal zu dem Gedankengang, wie oft wir bezüglich einer sich in der Gesellschaft etablierten Erkenntnis einem Irrglauben unterliegen oder in vielen Fällen auch nur Halbwahrheiten.

Viele Klischees und Phrasen mögen sicherlich eine Existenzberechtigung haben, wenn man die Dinge pauschal betrachtet und die vielen Ausnahmen mal vorne vorlässt. Aber viele sind einfach nur falsch oder beleuchten die Dinge in einem völlig falschen Licht, weil man sich nicht wirklich mit ihnen zu Genüge auseinandergesetzt hat. Und von diesem Standpunkt aus betrachtet, verlor das Gedicht für mich an Bedeutung. Und da ich nun seit sechs Monaten von Schafen umgeben bin (manch einer wird jetzt denken, dass er das ja auch tagtäglich sei), will ich ein wenig über sie erzählen und was es heißt mit ihnen zu arbeiten:

Schafe sind äußerst schmerzignorant, sodass man hier draußen schnell der Bedeutung "Wie ein Lamm zur Schlachtbank" gewahr wird. Das heißt nicht, dass sie eine hohe Schmerzschwelle haben; lediglich, dass sie verdammt viel erdulden, bevor sie auch nur eine Miene verziehen oder einen Laut von sich geben. Und unter einem anderen Gesichtspunkt sind gerade die Laute eine faszinierende und manchmal lustige Welt für sich. Verbringt man genügend Zeit mit Schafen, fällt einem plötzlich auf, dass von 400 Schafen im Yard ein jedes völlig individuell "mäht". Das mag trivial und banal klingen. Aber es beschert einem hin und wieder ein Lachen, wenn ein winziges Lamm mit einem Halben-Sekunden-Mö nach seiner Mama ruft oder die Zunge bis zum einsetzenden Gesichtskrampf aus dem Rachen hält, um nach einem Bad seiner Mama zuzukreischen, dass es doch unfassbar sei, dass ein Mensch es einfach mal so ins Wasser geschmissen hat. Einmal rief ein Schaf sein Junges mit tiefen "10-Sekunden-Mähern", sodass wir uns relativ sicher waren, dass es sich bei dem Lamm um eine "Monika-Julia-Gisela-Michelle-Adelheit-Stefanie-Jennifer-Annemarie" gehandelt haben muss. Vor allem jedoch wird einem die Bedeutung bewusst, wenn man selbst in die Lage kommt, verwaiste Lämmer aufzuziehen und zu sehen, wie die Kleinen auf das ausgestoßene "Mähh" reagieren - ist ja eh keiner da, der einen dafür auslachen könnte. Fakt ist: sie erkenne es wieder, reagieren darauf und antworten. Und am Ende ist man hundertprozentiger Milchgeber und Herdenanführer, dem man ungefragt überall hinfolgt. Und genau so entstehen die Eindrücke, die zu einem bestimmten Bild des Schafes führen. Aber betrachten wir das ganze ein wenig näher, denn im Augenblick handelt es sich ja um Lämmer - und welches Kleinkind folgt nicht seinen Eltern?

Schafe besitzen einen ausgeprägten Fluchtinstinkt, sie haben Feinden ja nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Obwohl stampfende Schafe schon sehr bestimmend aussehen und zur Verteidigung ihres Lammes schon mal ihren Kopf in den einen oder anderen Hund gerammt haben. Wenn sie doch einmal in die Enge getrieben werden, verhalten sie sich wie Zebras, die sich in ein Pulk stellen und so dem Gegner vorgaukeln eine einzige, homogene Masse zu sein. Ein einzelnes anvisiertes Ziel geht somit sofort verloren. Ich habe einmal versucht ein ausgebüchstes Schaf, dass als einziges einen blauen, dicken Strich auf dem Rücken hatte, einzufangen. Und obwohl es direkt in der Menge vor mir war, die sich dann in strudel- und wellenförmigen Bewegungen durch den Yard bewegte, hatte ich es nach drei Sekunden aus den Augen verloren und erst nach einer Minute wiedergefunden.

Mir ist bewusst, dass ich bisher nichts hervorgebracht habe, was man nicht auf instinktives Verhalten zurückführen könnte und da unsere westliche Gesellschaft sich so gerne auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt, will ich mich mal ausnahmsweise darauf berufen: Schafe können sich bis zu 40 menschliche Gesichter und das mit ihnen bestehende gute oder negative Verhältnis einprägen und sich selbst nach vier Jahren des letztens Zusammentreffens daran erinnern. Bei einem Durchschnittsalter von 5 Jahren bedeutet das nahezu ihr ganzes Leben. Wenn man dann noch hinzunimmt, dass alle 8 von mir aufgezogenen Lämmer draußen am Damm (Bericht nächste Woche) wirklich beeindruckende Charaktere besitzen und sogar emotionale Phänomene wie Eifersucht und trotziges Verhalten aufweisen - na ja, ich bin sicher das Instinkt allein nicht mehr ausreicht, um die Verhaltensweisen eines Schafes zu beschreiben.

Aber genug des Lanzebrechens. Ein weiteres in den Köpfen etabliertes Bild des Schafes (hier seien als Beispiel gewisse Postkarten aus der "Schafswelt" erwähnt) bringt mich zu einem weiteren Punkt: Schafe haben von Natur aus keinen Stummelschwanz. Es ist nämlich nicht so, dass man als Farmer einfach nur Schafe kauft, sie auf das Land stellt und einmal im Jahr zum Scheren einsammelt. Daher will ich ein bisschen von den verschiedenen Arbeiten und ihren Notwendigkeiten erzählen:

Da man als Farmer entweder zu wenig Land besitzt und somit seine Schützlinge bei jemand Anderem unterbringt oder zuviel, sodass man gegen eine Art Mietzahlung zusätzliche Schafe aufnimmt und diese selbstverständlich nur jede mögliche Lücke in einem Weidezaun nutzen, ihrer längst fälligen Verabredung mit den Nachbarn nachzukommen und diesen einen Besuch abzustatten, ist es notwendig, die eigenen Lämmer zu markieren. Da man dazu alle Schafe in einen Yard treiben muss, was je nach Entfernung auch mal einen ganzen Tag dauern kann, nutzt man die Gelegenheit, die Tiere auch anderen notwendigen oder sinnvollen Behandlungen zu unterziehen. Da kleine, flippige und scheue Lämmer natürlich alles andere als kooperativ sind, werden sie in etwas gesteckt, was man eigentlich nur als "Gynäkologenstuhl für Schafe" bezeichnen kann.

lambmarking

Dann bekommen sie aus bürokratischen Gründen eine Marke in das Ohr gestochen, auf der eine Nummer steht. Einem Ohrring gleich. Völlig harmlos - ich meine: Menschen zahlen Geld für so etwas, nicht wahr? Markanter wird es dann beim Ohrenmarkieren, da ein anderer Farmer, der seine Schafe zusammentreibt und unter denen sich ein "Gast" befindet, problemlos die Marke herausschneiden und durch die eigene ersetzen könnte, wird mit einer Designerzange am äußersten Ende des Ohres das firmeneigene Muster reingezwackt. Bei den männlichen Lämmern wird dann noch entschieden, ob es das Privileg hat, ein ram (fortpflanzungsfähig) zu werden oder durch Beringung ein wether (fortpflanzungsunfähig) wird; eine etwas - nun ja - delikate Angelegenheit. Nach dem gleichen Prinzip werden allen Lämmern die Schwänze abgebunden. Ein kleiner Gummiring wird um den Schwanz gezogen und stoppt die Blutzufuhr. Nach ein paar Minuten ist der Steißfortsatz taub und nach ein paar Tagen fällt er einfach ab. Hierbei handelt es sich um eine notwendige Prozedur, da Schafe mit ihrem Schwanz zwar zappeln, ihn aber im Gegensatz zu Rindern und Pferden nicht anheben können, wenn sie die Notdurft überkommt. Das führt dazu, dass sich das Verdauungsresultat in den Schwänzen und um ihr Gesäß ansammelt und sich somit ein Schlaraffenland für eine gewisse Fliegensorte (Blow Flies) bietet, die ihre Eier in das Schaf setzt. Und wer einmal gesehen hat, wie ein Schaf von tausenden, 2 cm großen Maden über Tage bei lebendigem Leibe aufgefressen wird, bis es kraftlos zusammenbricht und die Krähen ihm noch vor dem letzten Atemzug die Augen aushacken, bevor sich dann eine Riesenechse darüber hermacht (vielleicht hat es Glück und ist dann schon tot), stellt die von vielen Tierschützern verurteilte Vorgehensweise der Schwanzstutzung kaum noch in Frage. Allein die Stutzung führt zu einem 80% geringeren Befall. Das ganze wird versucht zu maximieren, indem man die Lämmer impft und den Schafen einmal im Jahr ein Bad gegen Läuse und Fliegenbefall verabreicht. Schafe sind übrigens trotz ihrer Wolle unglaublich gute Schwimmer. Unter dem Bruchstrich wird also jedes Schaf nicht mal eine Woche im Jahr "belästigt" und genießt die anderen 51 in freier Wildbahn. Wie schon im vorherigen Bericht erwähnt sieht das im Kopfe eines australischen Steuerberaters dann ungefähr so aus: Bei 4000 Schafen, von denen man pro Woche 400 abarbeitet, heißt das: 10 Wochen Arbeit und 42 Wochen Urlaub - wenn das doch mal so wäre...


- Wanderer