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Goldcoast
Vorbemerkung: Dieser Eintrag befasst sich überwiegend mit Sport, aber auch mit Natur, Aborigine-Kultur und gesellschaftskritischem Hintergrund. Also auch Sporthasser sind herzlich eingeladen weiterzulesen.
Als bekennender Fußballhasser und bislang nicht wirklich TV-Sport-Interessierter, muss ich mir nun eingestehen, dass auch ich seit meiner Ankunft in Australien diesem “Hobby” verfallen bin: Rugby. Dieser Sport erfreut sich hier auf dem fünften Kontinent der gleichen Begeisterung wie in Deutschland der Sport um das runde Leder. Und da sich Rugby mit Fußball in keiner Weise vergleichen lässt, will ich es auch gar nicht erst versuchen und nur eines loswerden: Seither verursachen die theatralischen Schwalben, die einem einfach das Gefühl vermitteln, sich den sterbenden Schwan im Ballet anzusehen, ebenso wie die allzu oft lächerlichen Flugszenen eines echten Fouls, bei dem ein Schmerz meistens erst dadurch verursacht wird, weil der Spieler sich mit zweifachem Salto und eineinhalbfacher Schraube selbst in den Rasen rammt, einen nur noch größeren und schmerzhafteren Körperkrampf bei mir, als es bisher eh schon der Fall war. Ich will damit sagen, dass Rugby-Fans bei einem durch einen Fußballschiedsrichter gepfiffenen Rugbyspiels, nach nur 5 Minuten nach Hause gehen könnten, weil keine Spieler mehr auf dem Platz wären. Ok, das ist gemein. Man vergleicht halt Taschenbillard nicht mit Snooker. Es gibt noch etwas, was mir am australischen Rugby gefällt. Doch vorweg eine kurze Hintergrundinformation: Mein Team ist “Melbourne Storm”. Das war es von Anfang an der letzten Saison, seit ich sie das erste Mal spielen gesehen habe. Ich muss das betonen, da sie kein Favorit auf den Titel waren, ihn dennoch geholt haben und ich mich ganz deutlich davon distanziere ein “Ich-fange-an-mich-für-einen-Sport-zu-interessieren-und-wähle-das-beste-Team-um-zu-den-Gewinnern-zu-gehören-Typ” bin. Rugby funktioniert anders. Wenn die Saison vorbei ist, spielen die ersten Acht um den Titel in einer Art Doppel-K.O.-System. Und Favoriten waren die “Dragons” und die “Eels”, wobei Storm letztere im Finale geschlagen haben. Diese Saison wurden die Storm für die gesamte Saison disqualifiziert - sie spielen ihre Spiele, aber sie bekommen keine Punkte; spielen also nur für die Ehre. Und wie die spielen - ein Genuss. Zurück: Die Storm wurden genau aus dem Grund disqualifiziert, der mir erst dadurch eine Regel eröffnete, die mir sehr gut an diesem Sport gefällt - klar bleib ich weiter Storm-Fan, das vorweg: Beim Rugby gibt es etwas, dass sich Salery-Cap nennt und das im deutschen Fußball von den mir sympathischen, kritischen Fans oft gefordert wird, wenn sie sagen, Fußballer verdienten zuviel. Salary-Cap ist eine Gehaltsgrenze und bedeutet, dass man nur eine bestimmte Menge an Geld verwenden darf, um seine Spieler zu bezahlen, was verhindert, dass in diesem Sport Mannschaften wie Bayern München entstehen können, die vor lauter Stars nur so strotzen. Dies wiederum sorgt beim Rugby für ausgeglichene Teamstärken und taktisch interessante Teamzusammenstellungen. Man kann auf Kraft und Masse setzen, auf Wendigkeit und Schnelligkeit oder irgendetwas dazwischen. Es war zum Beispiel ein atemberaubendes Spiel, als die Dragons gegen das dem Schauspieler Russell Crowe gehörende Team “Rabbithos” gespielt haben. Die Dragons sind nicht nur diese Saison Favoriten sondern bekleideten auch letzte Saison diese Stellung und überzeugen mit Masse und Kraft. Letztes Jahr, zu einem Zeitpunkt an dem sie seit sieben Spielen ungeschlagen waren und dort weitaus andere Teams waren, denen man es zugetraut hätte, haben die Rabbithos oder auch Rabbits, bei denen Name Programm ist, sie also fast ausnahmslos klein und wendig sind, die Dragons mit über 50:4 geschlagen, also 9:1 “Touch Downs”. Aber warum ich das alles erzähle, hat natürlich einen bedeutsameren Grund als das, wofür ich mich interessiere: Das erste Mal in der Geschichte wurde ein ganz besonderes Spiel angesetzt, dem nicht nur die Aborigines, sondern auch viele Australier und dieser wiederum viele, ja ich nehme da kein Blatt vor den Mund, weil ich es viel zu oft live erlebt habe, mit rassistischem Gedankengut entgegenfieberten. Ich habe mich in Canberra mit zwei weißen und drei Aborigine-Frauen und zwei Aborigine-Männern in ein Lokal gesetzt, worauf eine über 10 Mann und Frau starke Gruppe ein paar Minuten verächtlich herübersah und dann, nicht fehlinterpretierbar, aufstand und ging. Und das ist wirklich keine Seltenheit und nur eine von vielen Geschichten. Nun gut, das Spiel wurde von der australischen NRL in Goldcoast angesetzt: “Aboriginal All Stars” gegen “World All Stars“. Man beachte die Weltauswahl und sich die damit immunisierenden Australier, die bei einem geschlagenen “Australia All Stars - Team” natürlich in .Erklärungsnöte gekommen wären. Alle fieberten also dem 14.02.'10 entgegen und die Tickets in der Tasche, starteten wir durch: Auch die Reise nach Goldcoast und zurück in die Heimat gestaltete sich als sehr anregend. So zeigte Michael den Umgang der Australier mit dem Kulturgut der Aborigines: Hier im Bild sehen wir einen sich in Goldcoast befindenden, von einer Holzbarriere umgebenen Bora-Kreis, der in Zeremonien eine wichtige Rolle spielte und wie alle Zeremonieplätze auch heute noch heilig ist: Da es mir von Michael verboten wurde (was mir auf Grund des von ihm gelernten schon klar war), die Absperrung zu übertreten, musste ich an die vielen Menschen denken, die nicht um die Umstände und die Bedeutung wissen und hier schon über den Rasen marschiert sind, als kiffe man in einer Kirche, betrete einen buddhistischen Tempel mit nackten Beinen oder eine Moschee mit schlammigen Schuhen. Und wer die goldenen Bögen rechts im Bild betrachtet (Klick auf das Bild und Klick im neuen Fenster sorgt für eine bessere Auflösung), der kann sich vorstellen, dass Fastfood-Tüten und wie ebenso im Bild zu sehen, leere Bierflaschen auf dem Bora-Grund keine Seltenheit sind. Also nur kein schlechtes Gewissen, wenn man demnächst im Hochsommer zwischen Kirchgang und Biergarten entscheiden muss; die Messdiener können sicherlich das Pfand der unter den Bänken aufgesammelten Flaschen gebrauchen.
Auf dem Weg nach Goldcoast kommt man in den Genuss, das “Träumen des Känguruhs” zu betrachten. Wir Europäer würden sagen: Ein Berg, der aussieht wie ein sich zum fressen nach vorn beugendes Känguruh. In der Bedeutung des “Träumens” im Sinne der Aborigines trifft diese Beschreibung wohl eher eine Schneeflocke, die sich gerade auf die Spitze eines Eisbergs setzt. Ich könnte das jetzt näher erklären, aber ich müsste zu weit ausholen und werde Interessierten eh in wenigen Monaten eine Möglichkeit geben, tiefer in diese Welt einzutauchen. Ein ähnlicher Anblick bietet sich in Tamworth, wo wir auf einem Umweg zurück nach Mogila eine Nacht verbrachten. Tamworth ist übrigens die erste Stadt der südlichen Hemisphäre gewesen, die 1888 im Licht elektrischer Straßenlaternen erstrahlte und wer schon immer einmal eine goldene, 12 m große Gitarre sehen wollte, wird sie an Tamworths Stadeingang betrachten können. 20 km von dort befindet sich das “Träumen des Koalabärs”, den man aber nur erkennt, wenn man von einem Berg in weiter Ferne draufsieht. Daher zeigt das folgende Bild nur einen Ausblick vom Pummelschwanz aus auf den hinteren Rücken:
Ersteres zu beklettern war nicht nur abenteuerlich und warf einen zurück in die eigene Kindheit sondern ermöglicht auch die Vorstellung, wie viel Spaß, wenn auch riskanten, die Kinder der Aborigines hatten, die hier bis vor ein paar Jahrhunderten aufwachsen durften. Der gesamte Rücken ist kahl und nahezu glatt. Leider war es am nächsten Morgen bewölkt und es regnete, aber sollte ich noch einmal hier in der Nähe sein: Um vier Uhr Morgens den eineinhalbstündigen Aufstieg zu unternehmen und, um sich herum absolut nichts außer natürlicher Stille, den Sonnenaufgang zu betrachten, während man 20 km weit entfernt von den nächsten Menschen ist, muss traumhaft sein. Auf dem Weg zum Hinterteil des Koalas trafen wir auf ein Känguruh. Leider war es zu dunkel und ich wurde von einem Anfall von Talentverweigerung befallen, sodass mir nur ein unscharfes Bild gelungen ist, welches ich versucht habe ein wenig aufzupeppeln
. Nun gut - ein Känguruh halt - wird der eine oder andere sagen wollen. Besonders war allerdings die Größe und man kommt nicht oft in den Genuss ein menschengroßes zu sehen. Aber wenn, dann ist Vorsicht geboten. Manche Känguruhs nämlich, die zwischen 1,80m und manchmal über 2m sind, wenn sie sich so wie hier im Bild aufrichten, sind sich ihrer Masse durchaus bewusst, fliehen selten und würden bei einem Anzeichen von Bedrohung sogar angreifen. Wer einmal den Mittelzeh der Hinterbeine gesehen hat, mit dem sie problemlos ein Loch in einen Hundeschädel schlagen können, der schießt dann auch mal gerne ein Foto aus sicherer Distanz. Und wo wir gerade von Größe sprechen: Hier in Tamworth bekam ich in einem thailändischen Restaurant die wohl größte Ameise der Welt zu sehen - zum Glück nicht auf dem Teller, aber immerhin auf dem Tisch: Leider hat sie der Versuch, sie stillzuhalten, das Leben gekostet. Aber ausgestreckt war sie so lang wie eine halbe Zigarette.
Kommen wir zum Spiel. Ich möchte hier etwas ansprechen, was eigentlich einen eigenen Bericht verdient und was ich höchstwahrscheinlich unabhängig von meinen Reiseberichten bei Gelegenheit zur Sprache bringen werde. Ich muss es allerdings kurz anschneiden, um die Bedeutung des Spiels zu verdeutlichen. Ich habe es nicht nur immer wieder selbst erlebt, sondern habe mich hier auch mit vielen Menschen darüber unterhalten. Briten, Schweden, Deutsche, und mit einem Amerikaner und einem Polen, die seit langer Zeit hier leben. Sogar viele Australier waren darunter. Und alle sagen das gleiche: Es gibt kein rassistischeres Land als Australien. Leider war es mir aus presserechtlichen Gründen nicht möglich eine Kamera mit einem austauschbaren Objektiv mit in das Stadion zu nehmen. Aber nach einer beeindruckenden, traditionellen Tanzveranstaltung der Aborigines war es endlich soweit. Das Spiel das eigentlich Geschichte schreiben sollte. Die Besten der Aborigines gegen die Besten der Welt. Man spielte hart, man spielte fair und den entscheidenden Touch Down brachte die letzte Minute. Aborigines weinten vor Freude und manche Australier weinten vor lauter Fassungslosigkeit, das passiert ist, was nicht möglich war und niemals hätte passieren dürfen. Wie sollte man das der Allgemeinheit unterbreiten? Besiegt von den Besiegten. Besiegt von den Niederen. Von denen, die schon über 200 Jahre ein Dorn im Auge des Systems sind. Die nun zeigten, dass sie nicht nur besser als die Australier sind sondern auch besser als die Welt. Wie sollte man das nur erklären? - Gar nicht. Nie war die australische Presse stiller über ein Sportereignis - nie war sie ignoranter. Es war, als habe man ein Bild der Anzeigetafel mit dem Endergebnis in einem Bild der Garfieldcomics platziert und zwar dort in der Ecke, wo Jim Davis seine Unterschrift setzt, sodass man den Punktestand nicht einmal den Mannschaften zuordnen konnte. Ich persönlich hoffe jedoch, dass die Australier nun von Größenwahn erfasst werden, nächstes Jahr mit einer Australien-Auswahl ein Spiel gegen die Aborigine-Auswahl ansetzen, um zu zeigen, dass sie die schlagen können, die die Welt schlugen und… verlieren. Der Fairness halber will ich natürlich auch diejenigen Australier erwähnen, die sich mit den Aborigines gefreut haben oder es ebenso falsch fanden, dass diese keine entsprechende Notiz in der Presse bekamen.
- Wanderer
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