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Alltag auf der Farm

6 Monate. Es ist kein Geheimnis, dass sich das subjektive Zeitempfinden mit dem Älterwerden verändert. Aber es ist dennoch sehr interessant, die Relativierung der Zeit zu erfahren, wenn man sich in völlig neuen Strukturen bewegt. Denn auch wenn sie hier genauso schnell zu vergehen scheint wie seit je her, hat sich eines seit meiner Ankunft im Outback nicht verändert. Man misst ihr nicht die Bedeutung zu, die sie in einer Gesellschaft, deren Triebfeder geregelte Abläufe und Standardisierung ist, von jedem Einzelnen begierig einfordert.
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Grundsätzlich wird das Alltagsleben auf einer Farm, wie könnte es auch anders sein, von der Arbeit mit Tieren beherrscht. Und wenn man einmal die anfangs niedlichen, sich in gierige Monster verwandelnden Lämmer, die flauschigen Küken, die baseligen Emu-, die Känguruh- und Hundebabys außen vorlässt, dann steht unter dem Bruchstrich eines: Arbeit. Um genauer zu sein - verdammt viel Arbeit. Allein die Versorgung der Haustiere nimmt jeden Tag gute drei Stunden ein und die interessiert es natürlich nicht, ob es Dienstag oder Sonntag um 7.00 Uhr in der Früh ist. Da wird gekräht, gemäht, gebellt - man hat es ja selbst verschuldet, wenn man erst um zwei sein Bett aufsucht. Ganz gemein wird es, wenn die Hunde ihren Spaß daran haben, mitten in der Nacht die Pferde oder Ziegen anzubellen und Beah, während er unter meinem Fenster sitzt, sich dazu entschließt, bis um 6 Uhr Morgens nicht mehr aufzuhören. Nach einer schlaflosen Nacht wird der folgende Tag nahezu von einem einzigen Gedanken begleitet: Jede halbe Stunde zu Beah zu gehen, der schlummernd in der Sonne faullenzt, und ihn wachzuschubsen.


Wie ich in einem vorherigen Bericht schon schrieb, werden Arbeit und Freizeit auf der Farm nicht von Arbeitszeiten und Wochentagen bestimmt, sondern von anderen Faktoren. Denn nicht nur der viel zu selten einsetzende Regen macht das Hinausfahren zu den zu reparierenden oder zu ziehenden Weidezäunen oder die Arbeit mit den Schafen und Rindern unmöglich. Auch die Sonne, die hier um 9 Uhr morgens schon so hoch steht, wie in Deutschland am hochsommerlichen Mittag, zwingt einen regelmäßig in die Knie, nachdem malbertan dann doch 6 Stunden bei 38 - 42 Grad Celsius das Nötigste vollbracht hat. Vor ungefähr zwei Wochen bescherte mir die Skala des Thermometers eine völlig neue Erfahrung der Zahl 48, während Jutta mir offenbarte, dass dies bei Weitem noch nicht die Obergrenze ist. Und hätten wir keine Klimaanlage im Haus, würde ich in den kommenden Monaten als bekennender "18 Grad Celsius bescheren den klarsten Kopf"-Mensch sicherlich sterben. Aber kommen wir zurück auf die Arbeit. Legt man die durchschnittlichen 10-Stunden-Tage zu Grunde, addiert die oft viel zu hohe Temperatur und die einzusetzende Muskelkraft, hier sei der von Steven und George im Bild präsentierte, 25 kg schwere, stählerne "Fat Albert" erwähnt, mit dem man die Eisenpfähle der Weidezäune in den Boden rammt oder die 40-50 kg schweren Schafe, die sich hin und wieder wie nasse Säcke fallen lassen und aufgerichtet oder über den Zaun gewuchtet werden müssen, stellt man eines schnell fest: Das Leben als Farmer gehört definitiv zu den arbeitsintensiveren. Diese Ansicht wird von den wenigsten Städtern hier in Australien geteilt. Und das es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Jutta und Michael ihren Steuerberater um einen guten Kunden ärmer machen, kann ich nach dessen Kommentar, dass er ja wüsste "wie viel" Farmer arbeiten, gut verstehen. Wenn man seinen Job ernst nimmt, ist und bleibt es einer, der hin und wieder an der Konsistenz zehrt, aber wer die Arbeit mit Tieren liebt, wird auch enorm dafür entschädigt.

Das abenteuerliche hier draußen im Outback ist im Grunde genommen, dass es so etwas wie einen typischen Alltag nicht gibt. An denen man also lediglich die gleichen Prozeduren wie die Tage zuvor wiederholt. Irgendetwas ungewöhnliches passiert immer. Ob man nun drei Tage hintereinander damit beschäftigt ist, Schlangen zu töten, die unter dem Haus sind oder darum herumschlängeln oder eine Woche lang jeden Tag zum 200 km weit entfernten Tierarzt fährt, um die Hunde durchzubringen, weil irgendein Besucher mit seinem Welpen den Parvovirus eingeschleppt hat (der kleine Jack hat es leider nicht geschafft); ob man allein auf das Haus aufpasst und dann plötzlich jemanden um 22.00 Uhr ins Krankenhaus fahren muss, weil er sich mit 100 um den Baum gewickelt hat und man sich sorgt, dass er einem auf Grund potentieller, innerer Blutungen wegstirbt oder ob man den seit einem Jahr vermissten Ziegenbock beim Zaunziehen in der Wildnis wiederfindet und nach Hause bringt und der übrigens so beeindruckend groß ist, dass wir ihn für eine Kuh gehalten haben, die jemand in den Baum gehängt hat, als er sich am Stamm aufgerichtet an dessen Blättern labte; ob man mitten in der Wildnis auf dem Motorrad sitzt, nach oben schaut und einen Busch 30 Meter über sich fliegen sieht und daraufhin Reißaus vor einer Windhose mit einem Durchmesser von guten 10 Metern nimmt, da man bereits Bekanntschaft mit einer von einem Meter gemacht hat und in ihr stand oder wieder einmal mit einem der unzähligen Wetterphänomenen in Form eines Staubsturms, unglaublichen Gewitters oder auch Hagelsturmes, bei dem man nicht einen Meter weit sehen kann konfrontiert wird oder einem mitten auf der Straße einfach mal ein Haus entgegen kommt - irgendetwas ist immer und meistens scheinen sich die Dimensionen der Ereignisse der Größe und Weite des Landes anzupassen.


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- Wanderer