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Menschen


Hoch oben auf den moosbewachsenen Zinnen der alten Burg hatte sie sich niedergelassen und starrte auf das blutende Land. Aus der Ferne kam die Dunkelheit über die Berge - die Schatten zu überrollen; nur für eine weitere Nacht. Sie schaute herab auf eine Lichtung im Wald. Sah tanzende und singende Menschen, hörte die Musik, die aus raunenden Hölzern und schwingenden Sehnen kam. Früher besang sie häufig diese gemütlichen Abende. Dann schauten die Anderen zu ihr herauf und lauschten bedächtig. Doch ihr war nicht mehr danach, diesen Klängen zu lauschen, sich dem Tanz zu widmen oder ihre liebliche und hochgeschätzte Stimme erklingen zu lassen. Die Menschen dort unten, die morgendliche Jagd preisend, verstanden sie nicht - ihre Gedanken. Sie war halt anders. Und irgendwie war es ihr auch lieber so. Es juckte sie am Rücken unter ihrem schwarzgrauen Kleid. Sie wollte sich kratzen, doch müde und steif geworden war ihr Nacken in all der Zeit - ließ es nicht zu. So verdrängte sie den Reiz und ließ ihre Gedanken in die Weite wehen, all ihre Fragen die niemand derer, die dort unten saßen, beantworten konnte. Dieses Volk war in seinem Denken zu einfach. Hatte keinen Platz für die bedeutungsvollen Dinge in seinem sinnlosen Verständnis für Leben.
So war sie wieder einmal alleine. Nur wehende Kälte und die Erinnerung leisteten ihr Gesellschaft. Der eisige Wind trocknete ihre Augen, die sie nicht einen Augenblick schließen wollte, solange sie hier oben saß. Dann forderte er Tränen, die sie gerne gab.
Eine der Frauen ließ ab von ihrem Tanz. Setzte sich neben einen Mann abseits der Flammen. Presste kraftvoll die Luft aus ihren sich immer wieder füllenden Lungen:

»Sieh dort oben - auf den Zinnen«, deutete sie in die Ferne.
»Sie ist alt geworden, seit wir ihren Mann getötet haben, nicht wahr?« bemerkte der Gefährte.
»Ich denke, sie ist stärker geworden.«
»Was schert dich ihr empfinden?«
Die Frau blickte hinauf zu den Zinnen und schwieg einen Augenblick. »Das verstehst du nicht«, lächelte sie wehmütig. »Wenn ich es überhaupt wirklich tue.«

Vor einem Sommer; da brachen sie auf. Erneut zu jagen. Erneut zu töten. Sie hasste sie dafür, doch ändern konnte sie es nicht. Was bedeuteten schon ihre Gedanken, ihre Gefühle. Sie hatte damals lange auf ihn gewartet, doch irgendetwas ging schief. Er kam nicht wieder. Sie wollte ihn suchen, doch das brauchte sie nicht. An jenem Abend erzählten die Männer den Frauen am Feuer, dass er von einem Pfeil in der Brust getroffen wurde. Er fiel von der Klippe in den reißenden Fluss. Sie haben ihn nicht gesucht - nicht einmal gesucht. Und dann - dann haben sie gefeiert. Dieses elende Pack, es trank und sang. Hätte sie damals verstanden mit dem Bogen umzugehen, hätte sie jedem Einzelnen einen Pfeil durch die Brust gejagt. Doch nun war es nur noch die ihre, die schmerzte. Sie wollte hier weg. Sie wollte nicht die Nächste sein. Das einfache Volk hinter sich lassen, das ihr so viel genommen hatte. So stieß sie einen lauten hellen Schrei aus und warf sich in die Tiefe. Die Mauer herab. Ließ sich fallen. Und während sie sich der Aufmerksamkeit der Anderen bewusst war, weitete die Falkin ihre Schwingen aus und entschwand in die Finsternis.



- Wanderer