...das Leben ist ein Netzwerk
Fesseln

Verlassen stand das Haus oben in den Dünen und der aschfahle Rauhputz flammte im Licht der untergehenden Herbstsonne dahin. Lustlos saßen die Möwen zwischen den hohen Gräsern, aufgeplustert, der eisigen Kälte trotzend. Der Winter nahte. Schon bald würden dicke, weiße Flocken auf die See herniederschneien - doch nur um dem salzigen Spiegel zu erliegen. Dabei würden sie doch heimkehren. Sie würden wieder mit dem verbunden sein, von dem sie einst getrennt wurden, um auf eine weite Reise zu gehen.
Apathisch beobachtete sie durch das Fenster den endlosen Ozean und verlor sich in seiner Weite, seiner Kraft. Ihr Blick war verschwommen, doch nicht von Tränen. Sie erinnerte sich nicht daran, wann sie das letzte Mal geweint hatte. Und obwohl ihr im Augenblick nach nichts anderem war, schaffte sie es nicht sich zu überwinden, sich ihrer Trauer hinzugeben. Ihre Seele weinte, das war genug. Sie warf einen langen Blick hinter sich, sah in den Kamin, der genauso von Leblosigkeit zu berichten wußte, wie alles hier in ihrem erwählten Reich. Sie hätte sich gerne bewegt, wäre vor die Tür gegangen. Sie hätte gerne Holz herein geholt, um es brennen zu lassen. Es verlangte sie nach Wärme, von irgendetwas, von irgendwem. Sie sehnte sich nach kräftigen Armen, die sie fordernd in sich bargen, nach Flammen, die ihr Herz berührten, nach sehnsüchtigen Augen und einer selbstlosen, innigen Berührung ihrer Lippen, die nur ihr gehörte. Doch etwas fesselte sie. Sie schaute wieder aus dem Fenster, betrat erneut die Welt, aus der sie einen kurzen Moment entfliehen konnte.