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Ein Himmel ohne Engel


Viele Menschen halten Engel für sagenhafte Wesen, die einst aus ihren Gedanken entsprungen sind. Männliche Kreaturen, nackt oder in weißen reinen Gewändern gehüllt, mit Nimbus oder ohne. Die einen haben Flügel, die anderen nicht. Ich gehöre zu diesen Menschen. Zumindest gehörte zu jenen, die diesen Glauben hegten. Für Andere sind Engel von wahrer Existenz. Sie glauben daran, dass es diese übernatürlichen, rein geistigen Kreaturen gibt. Sie als Mittlerwesen zwischen Gott und Mensch in ihrem Nexus hausen und hin und wieder in die Geschehnisse auf Erden eingreifen. Diesen Glauben, nein, dieses Wissen eignete ich mir an. Doch verwarf es. Denn ich erlebte jenen Moment, an dem diese wundervollen Geschöpfe aufhörten zu existieren.

Gerry war mein bester Freund. Wenn ich an unsere Kindheit denke, dann finde ich keine Worte, die nicht von Frohsinn und Problemlosigkeit zu berichten vermögen. Wir wuchsen gemeinsam auf und erlebten die wundervollsten Dinge. Wir interessierten uns nicht dafür, woher das tagtägliche Brot kam, das wir den Tag über aßen. Das waren die Sorgen der Erwachsenen. Früh genug würde die Zeit kommen, in der wir uns darum kümmern müssten. So war Anfangs der Kuchen aus Sand von größerer Bedeutung. Dann das gemeinsame Lernen für das Leben und der ständig wachsende Spieltrieb nach der Schule. Unser Dorf lag in einer Talsohle zwischen dem Feuer, dem Süd- und dem Schattenberg. Ihre Namen hatten sie von den Pionieren, die unseren Wohnort errichtet hatten. Wenn die Sonne hinter dem Schattenberg aufging, warf sie ihre glanzbringenden Strahlen auf den Feuerberg und ließ sein rötliches Felsgestein brennen. Doch wenn sie dann im Westen unterging stand sie nicht mehr hoch genug, um ihr Licht auf das östliche Gebirge zu werfen, so blieb seine Westseite stets im Schatten. Nur eine oder zwei Stunden, je nach Jahreszeit, erreichte ihn ein Leuchten, wenn die Sonne hoch im Süden stand. Dort oben auf einem Felsvorsprung des dunklen Massivs hatten wir unseren Lieblingsplatz gefunden. Wir wussten, dass es auf dem Feuerberg wärmer gewesen wäre, doch war sein Anblick im Schein der Sonne wertvoller und durchaus in der Lage die Herzen seiner Betrachter genügend zu wärmen, um die Nachteile dieses Ortes auszugleichen. Und in den vielen Nächten, in denen wir dort droben gezeltet haben und uns an den Flammen eines Feuers wärmten, war dieser Gedanke ohnehin von keiner Bedeutung. Viele Gespräche haben wir an all diesen Abenden geführt, uns ausgetauscht und voneinander gelernt. Anfangs habe ich nicht verstanden, dass Gerry stets nur so tat, als ließe er sich etwas von mir beibringen. Eines Nächtens im Sommer saßen wir vor der vergehenden Glut und schauten in den Himmel.

»Siehst du die Sterne dort?« fragte mich Gerry.
»Wie sollte ich nicht, es sind Tausende. Wie sollte man sie übersehen?«

Sie erinnerten Gerry an eine Sage und ich wollte sie hören:

Dort ward ein Himmel und ward voller Engel. Früher hatten sie alle einen Namen und wanderten zwischen den Welten, standen für einen Zustand, für ein Gefühl, für ein Bedeut. Der Engel der Liebe, der Engel des Hasses – der Engel des Mutes und der Engel der Angst – der Engel des Friedens, der des Krieges – der der Verleugnung, der Hinterlist und der Engel der Aufrichtigkeit - der Engel der Träume und der Engel der Wünsche – der Engel der Verachtung und der Engel der Trauer. So viele Engel wie man Sterne am Himmelszelt sehen konnte. Doch eines Tages hörten sie auf zu wandern und ihre Namen – sie gerieten in Vergessenheit. Mitten in das Licht hinein wurde eine Dunkelheit geboren, die der Mensch erschuf. Sie verzehrte die Sterne, einen nach dem anderen. Und wie sie in dieser Schwärze vergingen, so vergingen die Engel – einer nach dem anderen. Solange, bis am Ende nur noch ein Engel übrig geblieben, der Letzte. Es ward der Engel, der die Menschen an sie glauben ließ, der Engel der Hoffnung. Und dann – starb auch er.

Es war eine traurige Sage, die Gerry mir erzählte. Doch es war nur eine Sage, so glaubte ich. Und ich erinnerte mich auch lange Zeit nicht mehr an sie, denn zu ereignisreich waren die kommenden Jahre. Das blühende Land - es verging im Krieg. Die westlichen Völker waren dabei ihre Reiche auszudehnen. Nahmen uns unsere Väter, unser Land. Fünf Jahre dauerte der anfangs aussichtslose Kampf. Doch aus östlichen Gefilden jenseits des Berges kamen Armeen, die die Ausweitung dieser fremden Mächte nicht duldeten; sie ihnen schließlich mit der Einnahme dieses friedlichen Tales näher kamen. So fielen die Männer im Sommer und heilten im Winter. Ein Jahr nach dem anderen. Und wenn die westlichen Streitkräfte schwächer wurden, kam Verstärkung. Und wenn die östlichen Armeen zu sehr dezimiert worden waren, kamen neue Mannen und ersetzten die gefallenen Opfer. Als dann die Schlacht vorüber war und die Macht aus dem Osten zu unserem unwirklichen Glück gewonnen hatte, da bestand unser ehemals blühendes, friedliches Tal nur aus einem blutigen Schlachtfeld, übersät mit den unzähligen leblosen Körpern der Menschen unseres Dorfes und von Kriegern, die wir nicht einmal kannten. Unsere Häuser waren zerstört, das Korn verbrannt. Gerry und ich überlebten diese Feldzüge. Und jeden Winter, wo die Kämpfe geruht hatten, zogen wir uns zurück auf den Felsvorsprung. Gedachten unserer Freunde und den Menschen, die wir liebten. Jeden Winter schauten wir auf ein Neues in den Himmel und sahen immer weniger Sterne. Die Nächte wurden dunkler. Und wie der Krieg vorüber war und das Land in seiner Hoffnungslosigkeit versank, sah man nur selten eine Hand vor Augen. Eines Abends setzten wir uns nieder und wollten ein Feuer entfachen. Doch es erlosch - so oft wir es versuchten. In einer Nacht, schwarz wie nie, sahen wir in das Nichts hinauf.

»Siehst den Stern - dort - in der Finsternis? « fragte mich Gerry.
»Wie sollte ich nicht. Es ist das Einzige, was ich sehen kann. In all der Dunkelheit ist es das eine Licht, das sie nicht verzehrt. Ein Stern – wie ist das möglich? «
»Die Sage der Engel – sie erfüllt sich. Er stirbt. Ich fühle es«, flüsterte Gerry mit schmerzender Trauer in der Stimme.

Der Stern erlosch. Hinterließ Stille, hinterließ Düsternis. Mit ihm erloschen die Schatten, die Konturen. Es wuchs die Ungewissheit darüber, ob es einen Morgen gab, darüber, ob die Welt sich noch drehte. Es wurde kalt. Eiskalt. Und mitten in die Schwärze hinein fielen meine Worte angsterfüllt:
»Du sagtest einmal das die Engel alle einen Namen hatten. Wie hieß dieser Engel der Hoffnung, Gerry? – Gerry...

Geeeerryyyy!!!!!«





- Wanderer