...das Leben ist ein Netzwerk

Der letzte Gang


Wehmütig blickte er in die Fläche aus Kristall, die ein goldener Rahmen zierte, der immer wieder in sich selbst verschlungen nie ein Ende fand. Schwer waren seine Augen geworden. Kalt. Leer. Tiefe Täler hatte die Zeit in sein Gesicht gerissen. Geziert von verschneitem Haar. Es hatte sich viel verändert, doch nichts um ihn herum. Die hölzerne Tür hinter ihm, in die vor vielen Jahrzehnten aufwendige Reliefen geschnitzt worden waren - von einem Mann der schon gestorben war, als er geboren wurde - war geschlossen. Feinste Adern aus purem Gold waren in die vergilbten Tapeten gewebt und hatten schon vor langer Zeit ihren Glanz verloren. Der Boden war nackt, wie es sich für Marmor gehört; will er doch nicht bedeckt werden, um seines Wertes Willen. Und wie er weiter in den Spiegel sah, da konnte er sie sehen - direkt hinter sich. Ewig war es her, dass er sie sah. Früher, als er schwer krank in seinem Bett lag, da sah er sie häufig. Doch eines Tages kam sie nicht mehr zu ihm. Und jetzt - jetzt war sie da, nach all den Jahren. Er wollte sich zu ihr umdrehen, sie ansehen - sie berühren. Doch er hatte Angst; ließe er sie nur diesen einen Augenblick aus den Augen, um sich umzudrehen, würde sie nicht dort stehen. Er wollte sie nicht gehen lassen. Nicht so. Er konnte sich nicht lösen von diesem Blick, der aus keinen Augen kam. Noch immer, nach all der Zeit, war ihm dieses Wesen fremd. Dann kam es näher. Atmete ihm in den Nacken und ihre Hand strich ihm sanft über die Wange. Wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet? Und nun, da er gekommen war, schmerzte es ihn in seiner Brust.

»Wo warst du - all die Jahre?« fragte er verträumt in die Splitter seiner Erinnerung.
»Hier«, antwortete sie traurig und neigte ihr Haupt.
»Als ich als Kind krank in meinem Bett lag, bist du jeden Tag gekommen. Warum?«
»Du hast dich gequält. Ich gab dir Trost«, umschlang sie ihn. Drückte ihren Körper, der keiner war, an den seinen.
»Eines Tages bliebst du plötzlich fern«, warf er ihr vor.
»Ich hatte Angst«, streichelte sie ihm über die gebrochene Brust.
»Angst? Vor meiner Liebe?« fühlte er ihr Herz.
»Ich werde nicht geliebt. Von Niemanden. Selbst dich habe ich zerstört.«
»Zerstört?«
»Meiner Schwester hast du dich verwehrt. Und jeden Tag hast du in diesem Zimmer vor diesem Spiegel verbracht. Hast auf mich gewartet. Hast mich nicht gesehen. Nicht sehen wollen.«
»Jetzt sehe ich dich aber.«
»Du hast aufgegeben.«
»Was redest du? Ich habe nie aufgegeben.«
»Jeden Tag, an dem du dich nach mir gesehnt hast, hast du aufgegeben.«
»Wieso bist du hier?« wollte er wissen.
»Du weißt warum ich damals bei dir war. Du weißt, warum ich heute bei dir bin.«
»Wir müssen gehen, nicht wahr? - Nein - Wir müssen gehen«, nickte er wissend. »Bist du einsam?«
»Nicht so einsam, wie dein Leben war.«





- Wanderer